Am Donnerstag, den 6. November, veranstalteten Frau Ripken, Frau Kamp und Herr Madey in ihren drei Kursen für Deutsch Partnersprache in der 2e einen gemeinsamen Kurzgeschichten-Wettbewerb. Aus jedem Kurs wurden hierfür die drei besten, von den SchülerInnen bereits über die Ferien verfassten, Kurzgeschichten präsentiert und am Ende eine Siegerin gekürt. Die Kurzgeschichte "Die Überfahrt" von Margot Gracio hat dabei gewonnen:
Der Mond steht sehr hoch am Himmel diese Nacht. Die Schatten unterscheiden sich von der Finsternis. Antonio rudert wie gewohnt auf seiner Gondel aus Venedig.
Kein Tourist spricht ihn mehr an, zu diesen späten Stunden. Die einzigen Leute, die noch draußen sind, sind die Schaulustigen. Diese Behauptung ist nicht komplett wahr. Es gibt eine Ausnahme. Es wird in der Nachbarschaft erzählt, dass bestimmte Leute immer noch ausgingen, um Antonio zu treffen. Man sagt, dass er diejenigen fahre, die eine letzte Fahrt brauchen. Das war nur eine Legende, um den Ängstlichen Angst zu machen. Aber in dieser Nacht bereitet sich Antonio auf dem Canalasso darauf vor, einen neuen Gast an Bord zu nehmen. Im Nebel sieht er das Gesicht von dem Mann, der ihn ruft, nicht. Kein Wort wurde ausgetauscht außer „Ich muss auf die andere Seite gehen“. Jeder Gast ist anders, dachte Antonio. Einige sagen während der gesamten Fahrt kein Wort, aber man kann ihre Nervosität spüren, andererseits wirken andere gelassen oder neugierig, während andere reden ununterbrochen über Gott und die Welt. In jedem Fall hört der alte Ruderer ihn aufmerksam zu und teilt ihre Gefühle. Antonio rudert langsam durch die Stille. Fünfzehn Minuten vergehen, als der junge Mann flüstert: „Werde ich sie wiedersehen?“. In solch einem Moment weiß der Ruderer, dass die Frage nicht direkt an ihn gerichtet ist. Er selbst stellt sich diese Frage seit Jahren über sein Leben. Das Wasser ist seine einzige Flucht, denn er hat seit langem keine Familie mehr, um die er sich zu kümmern oder zu ernähren hat. Das Leben war nicht leicht für ihn, aber er betrachtet sich als glücklich, ihm einen Sinn geben zu können. Dann trifft er seinen eigenen Blick im Wasser. Seine Augen zeigen sein langes Leben voller Abenteuer. Aber als er versucht, das Gesicht seines mysteriösen Reisenden zu erkennen, stellt er fest, dass dieser kein Spiegelbild hat. Der junge Mann dreht sich zu ihm um und schaut ihm direkt in die Augen. Antonio ist gar nicht überrascht oder verärgert, denn tief in seinem Inneren weiß er schon lange. Als der Reisende ihm dieses Mal eine Frage stellt, weiß er, dass sie an ihn gerichtet ist: „Und wer bringt dich hinüber, alter Mann?“. Antonio lacht traurig. Endlich war die Zeit für ihn gekommen, ersetzt zu werden. Er war nicht mehr verpflichtet, andere auf die andere Seite zu bringen, und der junge Mann weiß das genauso gut wie er selbst. Als dieser Gedanke für ihn zur Gewissheit wird, hört die Gondel auf, der Junge nimmt das Ruder, und Antonio verschwindet im Nebel. Am nächsten Tag sehen die Nachbarn eine schwarze Gondel, die langsam in die Sonnenaufgang gleitet. Doch es ist nicht mehr Antonio, der rudert, sondern ein junger Mann, der schweigend und mit verlorenem Blick vor sich hin guckt.
Auf Platz 3 kam die Kurzgeschichte von Maël Feulner:
Der Wind peitschte über das dunkle Meer, und das alte Boot knarrte bei jeder Welle. Ich zog
meine Jacke enger um mich. „Zwei Stunden“, hatte der Fährmann gesagt. Zwei Stunden, das
war vor über drei.
Keiner sprach. Nur das Schlagen der Wellen war zu hören. Ich sah die Gesichter der anderen
Passagiere im schwachen Licht der Lampe. Blass. Müde. Irgendwie… leer.
Plötzlich flackerte das Licht, und ging aus.
„Hey! Was ist los?“, rief jemand. Keine Antwort. Nur das Geräusch des Wassers, das gegen
den Rumpf schlug.
Ich tastete mich nach vorn. Das Meer war schwarz wie Tinte. Da, ein Platschen, ganz nah. Als
wäre jemand über Bord gegangen. „Hallo?“ Stille.
Dann kam ein Flüstern. Ganz leise, direkt hinter mir:
„Du hättest nicht mitfahren sollen.“
Ich fuhr herum, aber niemand war da. Nur Schatten. Das Boot drehte sich langsam, als
würde es im Kreis fahren. Der Wind roch nach Salz… und nach etwas Fauligem.
„Wir sind doch bald da, oder?“, fragte eine Frau mit zitternder Stimme. Der Fährmann stand
still am Steuer, sein Gesicht bleich im Mondlicht. Seine Augen sahen aus, als würden sie
durch uns hindurchsehen.
Ich blickte auf meine Hände, sie waren nass. Aber ich hatte das Meer gar nicht berührt. Das
Wasser war eiskalt.
Unter der Oberfläche bewegte sich etwas. Schatten. Gesichter. Blasse Augen, die nach oben
starrten. Einer lächelte. Ich spürte, wie mein Herz raste.
„Wir sind da“, sagte der Fährmann plötzlich. Seine Stimme klang… leer.
Ich sah nach vorn, kein Land, kein Licht, nur Nebel. Das Boot hielt an. Einer nach dem
anderen standen die Passagiere auf und stiegen ins Wasser. Ohne ein Wort.
Ich wollte schreien, doch kein Laut kam heraus.
Dann spürte ich kalte Hände an meinen Beinen.
Etwas zog mich hinunter.
Und das Letzte, was ich sah, war der Fährmann, wie er mir nachsah. Und lächelte.

